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Franziska Greß in Tansania

Franziska Greß aus Gänheim bei Arnstein arbeitet ein Jahr lang in einem Kinderheim in Tansania.
Für daily X schreibt die 19-Jährige darüber.


Für jeden kommt der für ihn bestimmte Augenblick. So heißt es in einem Sprichwort aus Ostafrika. Für mich war dieser bestimmte Augenblick der 5. Mai. Da habe ich meine Reise nach Afrika angetreten. Für ein Jahr habe ich mein Heimatdorf Gädheim bei Arnstein verlassen, um in Tabora, Tansania, in einem Waisenhaus und in einer Schule zu arbeiten. Für daily X werde ich darüber regelmäßig in der Kolumne "Franzi in Tansania" berichten.

Ich bin 19 - und freue mich schon sehr auf mein Jahr in Afrika. Zwölf Monate lang werde ich ganz auf mich allein gestellt sein. Ohne meine Freunde, ohne meine Familie. Ein Schritt in die Selbstständigkeit, daher will ich in dieser Zeit auch keine Besuch bekommen.

Noch während meiner Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation spielte ich mit dem Gedanken für einige Zeit ins Ausland zu gehen und etwas in Richtung Entwicklungshilfe zu machen. Die Ausbildung hat Spaß gemacht, aber ich habe gemerkt, dass dieser Job nicht das Wahre für mich ist. Mir wurde bewusst, dass ich nach etwas anderem suche und es für mich noch mehr zu sehen gibt - und zwar nicht nur die positiven Seiten dieser Welt.

So ist Afrika, der ärmster Kontinent der Erde, zu meinem Ziel geworden. Ich glaube, dass ich hier Menschen treffen werde, die zwar in Armut leben, aber nicht ihr Lachen verloren haben. Menschen, die sich miteinander beschäftigen und weniger mit sich selbst. Eine Lebenseinstellung, die für mich Vorbildfunktion hat.

Ich werde für die Organisation "Foster" (Fransalian Organization for Social Transformation, Educaton, and Renewal) arbeiten. Diese Organisation betreibt in Tabora unter anderem ein Heim für Straßenjungen und eine Schule mit Kindergarten. In die Schule gehen alle Kinder aus der Umgebung. Außerdem baut "Foster" dort gerade ein Heim für Straßenmädchen.

Vormittags werde ich in der Schule helfen und dort vor allem mit den kleineren Kindern Basteln und Malen. Außerdem werde ich die Lehrer beim Englischunterricht unterstützen. Nachmittags bin ich im Jungenheim unter anderem für die Animation zuständig. Ich werde also Fußballturniere organisieren, Spiele machen und bei den Hausaufgaben helfen.

Ich freue mich wahnsinnig auf Afrika, auf die Menschen dort und die Natur. Für mich wird es ein Jahr voller Veränderungen, das mich hoffentlich in meiner persönlichen Weiterentwicklung stärkt.


Habari gani? (Was gibt es Neues?) Bei mir jede Menge. Nach einem zwölf Stunden Flug habe ich endlich mein Ziel erreicht: Tabora in Tansania. Genauer gesagt: das Children's Home in Ipuli.

Das Heim wurde 2002 gegründet. Hier finden Jungen aus zerrütteten Familien, Waisen und Straßenkindern ein neues Zuhause. Hier werden sie mit Essen, Kleidung und Medikamenten versorgt. Und sie können die Grundschule besuchen. Mein neues Zuhause teile ich derzeit mit 34 Jungs im Alter von sieben bis 16 Jahren. Für mich ist alles noch sehr ungewohnt, zugleich aber auch wahnsinnig spannend. In jedem der Jungen steckt ein anderer Charakter, den es zu entdecken gilt. Doch soweit ich das nach wenigen Tagen beurteilen kann, sind alle auf ihre Art sehr liebenswürdig.

Nur die Verständigung ist noch etwas holprig, da ich noch an meinen Swahili-Kenntnissen arbeiten muss und die Kinder nur teilweise Englisch verstehen. Das Einleben fällt mir noch etwas schwer, da ich - soweit es die Kinder zulassen - oft an Deutschland, meine Familie und Freunde, denken muss und mich dann noch manchmal das Heimweh plagt. Aber ganz nach dem Sprichwort "Die Deutschen haben die Uhr, die Afrikaner die Zeit", werde ich mich dieser neuen Lebensart anpassen und mir die Zeit nehmen, hier mein neues Zuhause zu finden. FRANZI


Es ist viel passiert die letzten Wochen. Fast eine Woche hatten wir keinen Strom. Auch die Wasserpumpen funktionierten nicht. Das hieß eimerweise Wasser aus dem Brunnen schöpfen und nach Hause transportieren. Für uns nicht das größte Problem, wir haben ein Auto für den Transport. Viele Menschen jedoch mussten kilometerweit laufen, um einen Eimer Wasser yu ergattern. Mir wurde bewusst, wie kostbar Wasser doch ist. Mit Keryenlicht und Taschenlampe ging die Woche vorüber.

Weiter ging es bei mir mit Malaria. Allerdings nur Stufe 2 - und so war diese auch in vier Tagen überstanden. Danach folgte endlich ein schönes Erlebnis: Unsere Köchin Salome gebar ihr fünftes Kind, Josephina. Wusstet ihr, dass afrikanische Kinder die ersten Tage nach der Geburt weiß sind? Erst nach etwa drei Monaten prägt sich die Hautfarbe komplett aus.

Dann stand mein 20. Geburtstag vor der Tür. Die meisten Menschen hier, auch die Jungs im Heim, kennen gar nicht ihr genaues Geburtsdatum, Geburtstage werden mehr oder weniger ausgelassen. Die Jungs malten viele Bilder - ihre Art und Weise, Glückwünsche auszudrucken. Eine Umarmung, ein Händedruck oder ein "Alles Gute" ist hier sehr üblich. Ein unkomplizierter Geburtstag eben. Ich habe diese Einfachheit genossen - denn werden bei uns Geburtstage nicht ein bisschen überbewertet? FRANZI


Über alles was du siehst, denke nach. Eine Sache geht mir gerade nicht mehr aus dem Kopf. Ich war am Nachmittag in der Stadt, als mir auf einmal sehr viele Menschen entgegenkamen. Wie sich schnell herausstellte, verfolgten sie zwei Diebe, die in einem Laden Telefone geklaut hatten.

In Afrika ist es üblich, das Schicksal solcher Straftäter in der Hand des Volkes zu lassen. Die Polizei wird nur selten eingeschaltet. So war es auch bei diesen beiden Männern. Die Menschen bewerfen sie mit Steinen - solange bis sie tot zu Boden fielen.

Für mich war es wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hätte nie damit gerechnet, dass Diebstahl dermaßen hart bestraft wird. Der Anblick war Abschreckung genug. Trotzdem gibt es immer noch sehr viele Diebe hier. Denn viele Menschen in Tansania sind sehr arm. Auf uns wirkt diese Justiz wahnsinnig brutal. Doch wenn die Diebe nicht getötet werden, haben sie ebenfalls keine Scheu, für Geld oder Essen zu töten. Einen Tag nach diesem Vorfall hörte ich von einem anderen Diebstahl bei dem zwei von sechs Dieben gefasst wurden. Sie wurden enthauptet und verbrannt. Soviel zum Thema Justiz. FRANZI


Emmanuel Makelemo, 16 Jahre alt, Mutter tot, Vater unbekannt, seit sechs Jahren hier im Heim und seit zwei Jahren an den Rollstuhl gefesselt. So könnte der Steckbrief von Emma lauten. Doch ich möchte euch mehr über den künstlerisch sehr begabten Jungen erzählen.

Emma kommt aus dem Dorf Kanyene in Tabora, mit dem Fahrrad etwas drei Stunden entfernt von hier. Seine Mutter gebar ihn mit etwas 16 Jahren, was in Afrika nichts Außergewöhnliches ist. Weiter Kinder konnte sie nicht kriegen, so wuchs Emma als Einzelkind auf. 2001 starb Emmas Mutter. Woran, das ist nicht bekannt, wahrscheinlich an Malaria oder AIDS. Emma war damals gerade einmal neun Jahre alt, seinen Vater hat er nie gesehen. So wuchs er bei seinem Großvater auf. Dieser brachte ihn nach Ipuli, damit er zur Schule gehen konnte.

Als er vor sechs Jahren hierher gebracht wurde, war er schon sehr mager, konnte aber noch laufen. Vor zwei Jahren jedoch brach seine Knochenkrankheit aus, weshalb er jetzt im Rollstuhl sitzt. Aber er managt sein Leben wunderbar. Und natürlich unterstützen ihn hier alle Jungs, wo es nur geht. Außerdem ist auch sein Cousin Mika (neun Jahre) hier im Heim. So hat er auch immer ein Stück seiner "richtigen" Familie bei sich. FRANZI